Neue Erkenntnisse in der HIV/AIDS Forschung liefern erste Erklärungen, warum trotz erfolgreicher HAART (highly active antiretroviral therapy) HI-Viren in der Samenflüssigkeit von Männern erhalten bleiben.
Einem aktuellen Bericht der WHO zufolge sind 39,5 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Die Übertragung durch Samenflüssigkeit ist die wichtigste Ursache für die Verbreitung des Virus.
Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie wurde testikuläres Gewebe kulturell gezüchtet, das nach histologischen (Aufbau) und funktionellen (Testosteron sezerniernd) Kriterien in vivo Material entsprach. Mit Hilfe molekularbiologischer und zytologischer Methoden wurden verschiedene Versuche durchgeführt, um festzustellen, ob eine Infektion durch HIV-1 erfolgen würde und welche Zellen dabei eine Rolle spielen. Die Studienergebnisse zeigten, dass der im Gewebe produzierte Virus aktiv war und die Voraussetzungen erfüllte, Zellen zu infizieren.
Damit haben die beteiligten Forscher die Replikation von HIV in residenten immunologischen Zellen im Hoden nachgewiesen und liefern damit eine Erklärung für die Persistenz von HIV in Samenflüssigkeit trotz antiretroviraler Therapie. Wie schon lange bekannt ist, sind die Hoden ein Reservoir für HI-Viren nach einer hochaktiven antiretroviralen Kombinationstherapie. Die Persistenz von HIV trotz erfolgreicher antiretroviraler Therapie und Absinken des virus load stellte Forscher vor die Herausforderung, die molekularen Mechanismen im Hoden in vitro und in vivo aufzuschlüsseln.
Erste Forschungsergebnisse zeigen das Vorhandensein von HIV-Spezifischen Rezeptoren in testikulären Gewebe. Alle für die Virus-Replikation notwendigen Rezeptoren (CD4, CXCR4, CCR5, und DC-SIGN) konnten nachgewiesen werden und fanden sich vor allem in Makrophagen. Die Tatsache dass HIV in der Lage ist, in testikulären Makrophagen zu überleben, und sich darüber hinaus zu vermehren, ist von besonderer Bedeutung, da die meisten antiviralen Substanzen Schwierigkeiten haben die natürliche Barriere des Hoden zu überwinden und dadurch eine Persistenz des Virus trotz Therapie begünstigt ist. Die klinische Konsequenz dieser Erkenntnisse bedeutet, dass bei Patienten mit HIV-Infektion trotz erfolgreicher Therapie und einer Reduktion der quantitativen Virusmenge im Blut unterhalb detektierbarer Werte, mit einer Virusreplikation in testikulären Gewebe gerechnet werden muss.
Das relative Risiko einer Infektion mit HIV beim Geschlechtsverkehr wird teilweise von der Virusmenge in der Samenflüssigkeit determiniert, und stellt in einer Vielzahl der Fälle die wichtigste Ursache für eine HIV-Infektion dar. Solange es nicht gelingt, sub-infektiöse Werte für die Virusmenge in geschlechtsspezifischen Flüssigkeiten zu erreichen, ist die Ausbreitung von HIV/AIDS medikamentös nicht zu bremsen. Aufgabe der Forschung muss eine gezielte Aufschlüsselung der Mechanismen der HIV-Replikation im Geschlechtstrakt sein, um auf der Basis neuer Erkenntnisse wirkungsvolle Massnahmen und Therapeutika zu entwickeln.
Autor: Dr. M. Wejbora