INFEKTIONEN
Dreifachversagen der Medikamentenklassen gegen HIV selten [18.01.2008]

 

Zu den drei ursprünglichen Klassen antiretroviraler HIV-Medikamente zählen Nukleosid-Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTIs), Nicht-Nukleosid-Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTIs) und Protease-Inhibitoren (PIs). Ein Versagen aller drei Medikamentenklassen ist in der klinischen Praxis nur sehr selten. Diese Tatsache ist vor allem für Entwicklungsländer wichtig, da es dort noch länger dauern wird, bis Medikamente außerhalb dieser Klassen zugänglich sein werden.

All drei Klassen wirken, indem sie die Replikation des HI-Virus unterdrücken. Ein Therapieversagen ist dann der Fall wenn die Viruslast nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden kann. Ein Dreifachversagen liegt dann vor, wenn mindestens ein Medikament aus jeder der drei Klassen nicht anspricht; ein ausgeprägtes Versagen hingegen, wenn mehrerer Medikamente aus allen drei Klassen kein Ansprechen bewirken. In Entwicklungsländern wird der Zugang zu Medikamenten vermutlich noch für mehrere Jahre auf diese drei Originalklassen beschränkt sein. Daher ist ein Verständnis der Nachhaltigkeit der antiviralen Wirksamkeit dieser drei Medikamentenklassen für längerfristige Planungen unerlässlich.

Professor Andrew Phillips von der Royal Free and University College Medical School in London und seine Kollegen analysierten Daten von insgesamt 7.916 Patienten aus der UK Collaborative HIV Cohort Study des Medical Research Council. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 36 Jahren, Der Frauenanteil betrug 25%. Alle Patienten hatten die antiretrovirale Therapie mit drei oder mehr Medikamenten begonnen und wurden für 6-10 Jahre überwacht.

Studienergebnisse
Die Daten zeigten, dass 167 Patienten während der Nachuntersuchungszeit extensives Dreifachversagen entwickelt hatten. Das kumulative Risiko für Dreifachversagen wurde nach zehn Jahren auf 9,2% geschätzt, mit Hinweisen darauf, dass diese Rate sich innerhalb der untersuchten Zeitspanne um 14% pro Jahr verringerte. Innerhalb dieser 167 Patienten hatten 101 (60%) nachfolgend mindestens einmal eine Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze von 50 Kopien/ml, was zeigt, dass die Medikamente einen Teil ihrer antiretroviralen Aktivität auch nach dem Versagen beibehielten. Zum Zeitpunkt des ausgeprägten Dreifachversagens zeigten 90% der 167 Patienten ein virologisches Versagen von sieben oder mehr Medikamenten. Das Todesrisiko innerhalb von fünf Jahren nach dem ausgeprägten Dreifachversagen lag bei 10,6%.

"Unsere Studie hat gezeigt, dass die Rate der Patienten, die eine antiretrovirale Therapie beginnen und ein ausgeprägtes Dreifachversagen zeigen, niedrig zu liegen scheint, besonders bei Personen, deren CD4-T-Zell-Zahlen zu Beginn der Therapie über 200 Zellen/ml lagen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Rate über die Zeit sank, da sich die Medikamente verbesserten und die Erfahrungen mit ihnen. Diese Tatsache ist besonders für Entwicklungsländer ermutigend, in denen der Zugang zu Medikamenten noch für einige Zeit auf die drei originalen Medikamentenklassen beschränkt sein wird", so die Autoren

In einem Begleitkommentar sagen Dr. Edward Mills vom British Columbia Centre for Excellence in HIV/Aids in Vancouver und Dr. Jean B. Nachega von der Bloomberg School of Public Health am Department of International Health der Johns Hopkins University in Baltimore: "Die Studie von Phillips und Kollegen unterstreicht die Notwendigkeit des Zugangs zu alternativen, weniger toxischen und besser bezahlbaren First-Line, Second-Line und nun auch Third-Line antiretroviralen Medikamenten in Entwicklungsländern. Da HIV/Aids in der nahen Zukunft nicht ausgerottet sein wird, brauchen wir eine visionäre Antwort, die arme Patienten genauso optimal behandelt wie reiche Patienten. In den nächsten Jahren werden wir zurückblicken und uns fragen, ob wir wirklich alles in unserer Macht stehende getan haben."

Originalartikel: A. N. Phillips et al: Risk of extensive virological failure to the three original antiretroviral drug classes over long-term follow-up from the start of therapy in patients with HIV infection: an observational cohort study. Lancet 2007; 370: 1923

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