Am 1. Juni 2007 erhielt der neue Zellkultur-Grippeimpfstoff Optaflu® die EU-Zulassung für alle 27 Mitgliedsstaaten sowie für Island und Norwegen. Damit wird die jahrzehntelange Suche nach einer flexiblen und Ei-unabhängigen Impfstoffherstellung in großem Ausmaß heuer in Österreich Realität – durch die bahnbrechende Zellkulturtechnologie von Novartis.
Grenzen der Ei-Tradition
Seit den 1940er-Jahren werden Influenza-Impfstoffe auf bebrüteten Hühnereiern produziert – eine äußerst aufwändige Methode, aber bisher die einzige industriell mögliche. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen die Grenzen der Ei-basierten Impfstoffherstellung auf: Sie ist den heutigen Anforderungen an Impfstoffreinheit, Virusmatch, Produktionsgeschwindigkeit und Mengenbedarf nicht mehr gewachsen. Für 1 (trivalente) Impfstoffdosis wird je nach Virusausbeute durchschnittlich etwa 1 Ei benötigt, weltweit erschöpft sich die Produktionskapazität aller Hersteller derzeit bei etwa 300 Millionen Dosen pro Jahr. Die Verfügbarkeit dieser Unmengen an Eiern als Ausgangsmaterial unterliegt monatelangen Vorlaufzeiten und kann durch geflügelpathogene Virusstämme stark eingeschränkt sein: Denn wo kein Huhn, da kein Ei und folglich auch kein Impfstoff. Besonders kritisch ist die herkömmliche Ei-basierte Impfstoffherstellung, wenn eine rasche und flexible Reaktion erforderlich ist, z.B. auf einen plötzlich erhöhten Mengenbedarf oder einen unvorhergesehenen Virusdrift – ganz zu schweigen von einem Virusshift im Pandemiefall.
Neue Dimensionen der Zellkulturtechnologie
Einer der größten Vorteile der neuen Technologie ist die Unabhängigkeit vom Ei. Ausgangsmaterial für das innovative Verfahren ist eine permanente Zelllinie, die auf der gut charakterisierten MDCK-Zelllinie basiert und von Novartis optimiert wurde. MDCK(Madin Darby Canine Kidney)-Zellen wurden 1958 aus der Niere eines gesunden Cockerspaniels isoliert und werden bereits seit vielen Jahren weltweit zur Erforschung von Influenzaviren eingesetzt. Die Novartis-Zelllinie wächst in einem chemisch definierten, serumfreien Medium ohne Zusatz tierischer Komponenten als Suspensionszelllinie. Sowohl die Zellen als auch das Nährmedium sind sofort und nahezu unbegrenzt verfügbar, sodass die Impfstoffproduktion jederzeit zügig gestartet werden kann. Damit ist die Zellkulturtechnologie auch in zeitkritischen Situationen schneller und kann zudem aufgrund der hohen Virusausbeute rasch auf einen großen Maßstab hochgefahren werden.
Neuer Sicherheitsstandard
Ein weiterer Vorteil der Zellkulturtechnologie ist das geschlossene Produktionssystem. Im Gegensatz zur teilweise manuellen Ei-basierten Impfstoffherstellung (offenes System) kommen bei der standardisierten Zellkulturtechnologie keine Antibiotika oder andere Zusatzstoffe zum Einsatz. Durch diese hohe Reinheit wird ein neuer Sicherheitsstandard erzielt, der die Grippeimpfung auch für Menschen mit Antibiotika- oder Hühnereiweiß-Allergien unbedenklich macht. Klinische Studien an mehr als 7.000 Probanden haben die ausgezeichnete Verträglichkeit und Immunogenität des Zellkultur-Impfstoffs bestätigt.
Zukunftspotenzial besserer „Virusmatch“
Da sich die Influenzaviren ständig verändern, müssen die Impfstoffe jährlich angepasst werden. Aufgrund permanenter Beobachtungen sagt die WHO jedes Jahr die Virusstämme voraus, die in der kommenden Grippesaison am wahrscheinlichsten zirkulieren werden und daher in den Impfstoffen enthalten sein müssen. Da sich jedoch die meisten zirkulierenden Influenzaviren in Hühnereiern nicht vermehren können, stellt die WHO den Herstellern für die Impfstoffproduktion Ei-adaptierte Saatviren zur Verfügung. Durch diese Anpassung ans Ei kann es zu Abweichungen der Impfstoffantigene gegenüber den zirkulierenden Wildtyp-Viren kommen („Mismatch“). Die Virusanzucht mit der Novartis-eigenen Zelllinie ermöglicht eine stabilere Virusvermehrung und höhere Replikationsgenauigkeit, was zu einer besseren Übereinstimmung zwischen den zirkulierenden Virusstämmen und denen im Impfstoff führt. Die Zellkulturtechnologie eröffnet
auch die Möglichkeit, künftig den Umweg übers Ei wegzulassen und Saatviren zu verwenden, die den Wildtyp-Viren ähnlicher sind. Der neue Zellkulturimpfstoff hat demnach das Potenzial für einen besseren „Virusmatch“ und eine damit verbundene höhere Schutzwirkung.
Quelle: Top Medizin 6/07