ERREGER
Klimawandel: Einfluss auf Infektionsstatistik in Europa [15.01.2008]

 

Die Erderwärmung fördert die Verbreitung von tropischen Infektionskrankheiten, die durch Mücken übertragen werden. Professor Emil Reisinger, Leiter des Tropeninstituts an der Uni Rostock gibt in der Fachzeitschrift "Deutsche Medizinische Wochenschrift" an, dass sich Gelbfieber oder andere Tropenkrankheiten in Zukunft bis nach Europa ausbreiten könnten. Einige einheimische Erreger könnten durch den Klimawandel aber auch zurückgedrängt werden.

Tropische Infektionen in Europa
Viele Stechmücken, die Tropenkrankheiten übertragen, sind seit langem in Deutschland heimisch, erläutert Reisinger. So gebe es hierzulande sechs Anopheles-Mücken. Sie sind Überträger der Malaria, die gar keine reine Tropenerkrankung ist. Bis 1955 hat es laut Reisinger an Nord- und Ostsee und am Niederrhein immer wieder einheimische Malariafälle gegeben. Stark verbreitet war die Malaria auch in England während der "Kleinen Eiszeit" im späten 16. Jahrhundert. Besiegt wurde sie in Europa durch die Verbesserung der Wohnverhältnisse und die Trockenlegung von Feuchtgebieten, weshalb man eine Rückkehr der Malaria für unwahrscheinlich hält.

Auch große Cholera-Epidemien treten nur in Ländern ohne sichere Trinkwasserversorgung auf. Die steigenden Temperaturen begünstigen jedoch die Vermehrung des Cholera-Erregers Vibrio cholerae in den Meeren. Reisinger: Im Meerwasser von Medina wurde der Erreger 1996 nachgewiesen. Auch in Europa könnten Menschen an Cholera-Durchfällen erkranken. Ein Verwandter, Vibrio vulnificus, vermehrt sich in warmen Sommern auch in der Ostsee. In den letzten Jahren kam es bei Badegästen zu Wundinfektionen. Bislang sind es aber Einzelfälle geblieben.

Klimawandel & Infektionen: CONTRA
Steigende Temperaturen begünstigen laut Reisinger die Ausbreitung von Sandmücken. Sie sind die Überträger von Leishmanien, den Erregern von Orientbeule und Kala-Azar. Diese Krankheiten waren ursprünglich auf Wüstenstaaten in Afrika und im Nahen Osten beschränkt. Inzwischen hätten sich Leishmanien bis Südeuropa ausgebreitet, die Sandmücken in einem Fall sogar bis zum Deutschland, Oberrheingraben. Bis 2025 könnten sie Großbritannien erreichen, befürchtet Reisinger.

Virusinfektionen wie Dengue-Fieber und Gelbfieber, die in den Tropen Epidemien auslösen, stellen eine reale Bedrohung dar. Die Überträger, Aedes-Mücken, sind schon seit Urzeiten in Mitteleuropa heimisch, erklärt der deutsche Infektiologe Dr. Dieter Hassler. Hohe Temperaturen beschleunigen die Virusvermehrung in den Mücken. Bei 18 Grad Celsius dauert es 18 Tage, bis die Mücken die Viren weitergeben, bei 37 Grad Celsius sind sie bereits nach vier Tagen infektiös. Bei einer entsprechenden Erwärmung hält Reisinger das Auftreten von Dengue-Fieber und Gelbfieber in Deutschland für denkbar.

Wie schnell sich neue Erreger ausbreiten können, zeigt die West-Nil-Fieber-Epidemie in Nordamerika. Die ersten Erkrankungen traten 1999 während eines heißen Sommers auf. Im Jahr 2002, auf dem Höhepunkt der Epidemie, erkrankten 4156 und starben 284 Menschen an der vormals nur in Afrika und im Orient bekannten Infektion.

Klimawandel & Infektionen: PRO
Steigende Temperaturen können jedoch auch zum Rückgang von Infektionen führen. Ixodes-Zecken, die in Deutschland die Frühsommer-Meningoenzephalitis und die Lyme-Borreliose übertragen, reagieren sehr empfindlich auf heiße trockene Sommer. Der Klimawandel könnte sie zurückdrängen. Dass sie sich in den letzten Jahren stark ausbreiten konnten, liege vor allem an den milden Wintern, so Reisinger.

Quelle: thieme presseservice

Literatur:
Globale Erwärmung: Wegbereiter für tropische Infektionskrankheiten in Deutschland? Deutsche Medizinische Wochenschrift 2007; 132 (48): 2583-2589
D. Hassler: Mehr Infektionskrankheiten durch globale Erwärmung: echte Gefahr oder Rauschen im Blätterwald? Deutsche Medizinische Wochenschrift 2007; 132 (48): 2557
goto top of page

© Österreichische Gesellschaft für Antimikrobielle Chemotherapie
© Universimed New Media GmbH
A-1150 Wien, Markgraf-Rüdiger-Strasse 8

office@infektionsnetz.at

 

 

 

 

 

 

A-1150 Wien, Markgraf-Rüdiger-Straße 8