Frauen und Männer kommunizieren anders, das ist nichts Neues. Doch auch in der Beschreibung ihrer Schmerzen teilen sie sich unterschiedlich mit; das spielt eine wesentliche Rolle in den daraus resultierenden Konsequenzen. Während Männer ihre Symptome konkret beschreiben, bleiben Frauen diffus, vage, unbestimmt. Anlässlich des 2nd International Congress for Gender Medicine im Juni 2007 sprachen wir mit dem Linguisten Prof. Dr. F. Menz vom Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.
In Ihrer Studie untersuchten Sie die unterschiedliche Ausdrucksweise von weiblichen und männlichen Patienten mit Brustschmerz. Was waren die wesentlichen geschlechtsspezifischen sprachlichen Unterschiede?
F. Menz: Frauen stellen sich als eher Schmerz ertragend dar, spielen ihre Schmerzen herunter und beschreiben sie wenig symptomorientiert, stattdessen beziehen sie vor allem den psychosozialen Kontext ein. So schildern sie häufig Einschränkungen durch ihre Schmerzen, Ängste, dass ihr Krankenhausaufenthalt sich negativ auf Familienangehörige auswirkt, und dergleichen. Männer stellen sich als Experten in Bezug auf ihre Schmerzen dar, als aktiv den Schmerz bekämpfend und schildern ihre Schmerzen sehr symptomorientiert. Da dies auch das ist, was Ärzte hören wollen, entsprechen ihre Darstellungen stärker den medizinischen Erwartungen.
Worauf führen Sie die Tatsache zurück, dass sich Frauen in der Beschreibung der Schmerzsymptome weniger konkret ausdrücken?
F. Menz: Möglicherweise sind Unterschiede in der Sozialisation der Grund. In einer anderen Studie haben wir jedoch auch festgestellt, dass Frauen außerhalb des Krankenhauses viel differenzierter über Schmerzen sprechen als mit ihrem Arzt/ihrer Ärztin. Bei Männern haben wir hier keinen Unterschied gefunden. Dies deutet darauf hin, dass die Institution auch einen stärkeren Einfluss auf das Sprachverhalten von Frauen hat als auf das von Männern.
Welche unterschiedlichen verbalen Strategien der Selbstdarstellung konnten Sie feststellen?
F. Menz: Typisch für Frauen sind Formulierungen wie „Es hat wehgetan, aber es war zum Aushalten“ oder „Ich bin der Meinung, was von alleine kommt, muss auch wieder von alleine gehen“. Beschreibungen von Männern hingegen lauten etwa folgendermaßen: „Ich hab sofort gewusst, dass das was Ernstes ist.“
Sie stellen sich als informiert dar, indem sie auf Recherchen im Internet oder Fachzeitschriften hinweisen, und schildern in der Folge ihre Schmerzen auch sehr symptomorientiert: Beginn, Dauer, Ort des Schmerzes, Angstzustände, Schweißausbrüche etc.
Resultiert aus der unterschiedlichen Ausdrucksweise eine „verwaschene“ Diagnose und daraus in weiterer Folge womöglich ein Unterschied in der Behandlungsqualität?
F. Menz: Die Ursache für unsere Studie war eine medizinische Erkenntnis: nämlich, dass bei Frauen koronare Herzkrankheiten weniger zutreffend diagnostiziert werden als bei Männern (nämlich zu selten), was auch eine höhere Mortalität bei Frauen zur Folge hat. Die unterschiedlichen Schmerzbeschreibungsformen könnten eine wesentliche Ursache dafür sein.
Könnte man postulieren, dass Ärztinnen in der Lage sind, weibliche Patienten besser zu verstehen? Oder sind Ärzte benachteiligt in der Erfassung einer Aussage, die weniger klare Beschreibungen enthält?
F. Menz: Nein, denn erstens ist die berufliche Sozialisation so stark, dass sie eventuelle geschlechtstypische Unterschiede überdeckt, und zweitens – das ist ja unser aller Glück, sonst könnten wir nicht miteinander kommunizieren – überwiegen die Gemeinsamkeiten der Sprache bei weitem!
Welche Verbesserungen in der Kommunikation schlagen Sie vor?
F. Menz: Am wichtigsten ist eine Sensibilisierung der Ärztinnen und Ärzte, dass Männer und Frauen unterschiedliche sprachliche Ausdrucksweisen der Schmerzdarstellung haben. Darauf aufbauend ist es sinnvoll, Frauen sprachlich zu unterstützen, ihre Schmerzen ernst zu nehmen und sie als Expertinnen der Beschreibung ihrer eigenen Schmerzen zu sehen.
Wir danken für das Gespräch!
Das Gespräch führte Dr. Christine Dominkus
Unser Interviewpartner:
Univ.-Prof. Dr. Florian Menz
Universität Wien, Institut für Sprachwissenschaft
Berggasse 11, 1090 Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at/linguistics/personal/florian/metastudie/index.htm
Quelle: Urologik 6/2007