Masern werden nicht nur von Impfskeptikern oft als harmlose Kinderkrankheit bagatellisiert. Die Durchimpfungsrate liegt in Österreich bei nur 85%, daher ist etwa alle zehn bis 15 Jahre mit einer Masernepidemie zu rechnen. Jede fünfte Infektion ist mit Komplikationen verbunden, Masernpneumonie oder -enzephalitis enden sogar häufig tödlich.
Typisch für die Masern ist ein zweiphasiger Krankheitsverlauf. Auf die Inkubationszeit von 10 bis 14 Tagen folgt das drei bis vier Tage dauernde uncharakteristische Prodromalstadium mit Entzündungen der Schleimhäute des Respirationstraktes und der Konjunktiven. Etwa am 12. bis 13. Tag geht die Krankheit in das typische Exanthemstadium über, häufig von Lymphknotenschwellungen begleitet. Während und nach der Masernerkrankung kommt es zu einer vier bis sechs Wochen dauernden Immunschwäche. Diese kann anderen Infektionskrankheiten den Weg bereiten und stellt daher eine zusätzliche Gefahr für das erkrankte Kind dar. In unkomplizierten Fällen folgen eine rasche Erholung und eine lebenslang anhaltende Immunität.
Nummer 1 der vermeidbaren Todesursachen
Jede fünfte Maserninfektion nimmt jedoch einen komplizierten Verlauf, wobei Otitis media und Bronchopneumonie die häufigsten Komplikationen sind. Unter ungünstigen Umständen stirbt etwa jeder vierte, unter günstigen Bedingungen nur jeder 20.000 Erkrankte. Zum Tode führende Komplikationen sind meistens die Masernpneumonie oder die Masernenzephalitis.
„Weltweit rangieren Masern mit großem Abstand an erster Stelle der durch Impfungen vermeidbaren Todesfälle bei Kindern unter 15 Jahren. Masern lagen im Jahr 2000 mit 44% der vermeidbaren Todesfälle vor Haemophilus influenzae Typ b mit 26%, Pertussis mit 17% und neonatalem Tetanus mit 11%“, betonte Prof. Dr. Heidemarie Holzmann, Institut für Virologie der Universität Wien, anlässlich des Salzburger Impftages 2006. Eine Impfung gegen Masern ist seit dem Jahr 1963 verfügbar.
Davor waren Maserninfektionen für jährlich weltweit acht Millionen Todesfälle verantwortlich. Allerdings sterben auch heute noch viele Kinder an Masern, zum Großteil in Ländern der Dritten Welt.
Masernpneumonie
Die Masernpneumonie kann in drei verschiedenen Formen auftreten:
• Die primäre Masernpneumonie mit dem Verlaufsbild einer interstitiellen Pneumonie mit Bronchiolitis äußert sich hauptsächlich als Atemstörung. Mittels körperlicher Untersuchung ist sie schwer zu diagnostizieren, daher ist meist ein Röntgenbefund erforderlich.
• Eine Bronchopneumonie kann als bakterielle Superinfektion insbesondere während oder nach einer interstitiellen Viruspneumonie auftreten, ist aber auch isoliert durch die masernbedingte Immunsuppression möglich.
• Die Riesenzellpneumonie ist eine seltene Pneumonie mit vielkernigen, von den Alveolarepithelien abstammenden Riesenzellen, pathognomonisch für Masern und Keuchhusten, selten auch bei Diphtherie oder Influenza.
Masernenzephalitis
Die Häufigkeit der Masernenzephalitis ist altersabhängig: Sie schwankt zwischen 1 zu 10.000 bei Kleinkindern und 1 zu 1.000 bis 2.000 unter Schulkindern und Jugendlichen. Die Manifestation erfolgt etwa zwei Wochen nach der Masernerkrankung mit Fieber, Kopfschmerz, Bewusstseinseintrübung und meningealer Reizung (Nackensteifigkeit, Erbrechen etc.).
Schwere Verlaufsformen äußern sich in epileptischen Anfällen und Funktionsstörungen des ZNS. Ein Drittel der Betroffenen leidet unter Folgeschäden, die Letalitätsrate liegt bei 20 bis 30%. In 20 bis 40% der Fälle kommt es zu Defektheilungen.
Sklerosierende Panenzephalitis
Die besonders gefürchtete subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) tritt bei 7 bis elf von 100.000 Infektionen auf. Betroffen sind vor allem Kinder, die im Kleinkindalter Kontakt mit dem Virus hatten. Allein in Österreich gab es als Folge der letzten, im Jahr 1998 aufgetretenen Masernepidemie bereits 15 diagnostizierte SSPE-Fälle – einige erst in den letzten Monaten – ausgelöst durch ein isoliertes Masernvirus mit defektem M-Protein. „Die SSPE manifestiert sich erst nach sieben bis zehn Jahren durch einen fortschreitenden, nicht mehr aufzuhaltenden Untergang des Gehirns mit sicherer Todesfolge“, erklärte Holzmann. Der Verlauf dieser Slow-Virus-Disease ist in der Regel langsam progredient über ein bis drei Jahre. In zehn Prozent tritt ein akuter Verlauf (3 bis 6 Monate) auf, in weiteren zehn Prozent ein langsamerer Verlauf (länger als drei Jahre).
Die Krankheitsprogression erfolgt nach bestimmten Stadien.
Im Stadium I werden Änderungen in Verhalten und Persönlichkeit sowie mentale Verlangsamung erkennbar.
Im Stadium II tritt ein repetitiver Myoklonus mit typischem EEG (Rademecker-Komplex) auf, bei dem es in kurzen Abständen entweder zu Muskelzuckungen oder zum Zusammensacken des Kindes kommt. Der kontinuierliche, rasch fortschreitende mentale Abbau ist häufig von schweren Angsthalluzinationen begleitet.
Im Stadium III nimmt die Immobilität zu, der Myoklonus verschwindet. Im Vordergrund stehen nun extrapyramidale Bewegungsmuster wie schraubenförmige Bewegungen (Choreoathetose) und unwillkürliche Schleuderbewegungen (Ballismus).
Im Stadium IV folgen ein neurovegetativer Zustand mit Wachkoma und schließlich Koma und der Tod. Zurzeit steht keine wirksame Option zur Behandlung der SSPE zur Verfügung.
Masernvirus weltweit ausrotten
Ziel der Weltgesundheitsorganisation WHO ist nach der erfolgreichen globalen Eliminierung des Polio-Virus die Ausrottung des hochinfektiösen, auf den Menschen als Wirt beschränkten Masernvirus. Dieses ambitionierte Vorhaben ist bereits in einigen Ländern umgesetzt. So zirkulieren in den USA seit 1993 keine heimischen Wildstämme mehr, seit 1996 ist auch Finnland masernfrei.
Ziel für Österreich ist es, bis 2007 eine Durchimpfungsrate von über 95% für die erste Masernimpfung und über 90% für die zweite Masernimpfung zu erreichen. Damit könnte die Erkrankungsinzidenz unter 1 pro 100.000 Einwohner gesenkt werden.
Autor:
Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer