Die in Entwicklungsländern übliche therapeutische Strategie, die perinatale Übertragung von HIV durch eine Einmalgabe von Nevirapin zu verhindern, begünstigt eine Ausbildung von Resistenzen nicht signifikant, vorausgesetzt die HIV-infizierte Frau wird in den folgenden sechs Monaten keiner weitere Behandlung mit dem Medikament unterzogen.
Nevirapin:
Nevirapin gehört der Substanzklasse der nicht-nukleosidalen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI) an und kommt insbesondere in der AIDS-Kombinationstherapie (HIV Typ 1) und In Entwicklungsländern in der Perinatal-Prophylaxe zur Anwendung. Die Substanz bindet an die Reverse Transkriptase, und hemmt ihre Aktivität.
Zur Entwicklung einer Resistenz genügt eine einzelne Mutation an Position 181.oder an Position 103. Viren mit dieser Mutation sind gegen alle bisherigen NNRTIs resistent, bzw. kreuzresistent gegen Delavirdin.
In einer rezenten Studie wurde in Botswana zur Prävention der Mutter-Kind-Übertragung von HIV-1 das Ansprechen auf eine antiretrovirale Therapie auf der Basis von Nevirapin bei Frauen und Säuglingen, die zuvor für eine einzelne peripartale Dosis von Nevirapin oder Placebo randomisiert worden waren, untersucht. Alle Frauen wurden präpartal mit Zidovudin behandelt. Der primäre Endpunkt für Mütter und Kinder war das virologische Versagen bei der 6-Monats-Verlaufskontrolle nach Beginn der antiretroviralen Behandlung
In früheren Studien wurde befürchtet, dass die zeitlich beschränkte Therapie mit nur einem Medikament (oft nur eine einzelne Verabreichung) die Bildung von Resistenzen fördert, was eine spätere Therapie der Frau besonders in Ländern mit wenig alternativen Therapeutika schwierig macht, und zu Lasten der Frauen geht. Problematisch ist das vor allem insofern als dass Nevirapin in vielen Entwicklungsländern (anders als in den Industrieländern) wegen seiner besonderen Eigenschaften (orale Verabreichung und günstiger Preis) noch als Bestandteil vieler antiretroviraler Therapien fungiert.
Experten hielten den Einsatz von Nevirapin als Monotherapeutikum daher für bedenklich, da die Wirksamkeit bei einer einmal erworbenen Resistenz weitgehend verloren bleibt und NNRTI als optionaler Bestandteil einer (Kombinations)-Therapie entfallen.
Studienergebnisse:
Durch neue Erkenntnisse konnte dieser Aspekt relativiert bzw. präzisiert werden. Die Forscher analysierten die Daten von 218 HIV-infizierten Frauen aus Botswana, die während der Entbindung eine Einzeldosis Nevirapin oder ein Placebo erhalten hatten. Nach zeitlich unterschiedlichem Voranschreiten der HIV-Infektion wurde eine Kombinationstherapie notwendig. Bei den Frauen, welche die Kombinationstherapie innerhalb von 6 Monaten nach der Entbindung begannen, gab es wie bislang vermutet einen signifikanten Unterschied im Ansprechen auf Nevirapin: Von 60 Frauen, die innerhalb von 6 Monaten nach Erhalt von Placebo oder einer einzelnen Dosis von Nevirapin eine antiretrovirale Behandlung begannen, kam es bei keiner der Frauen in der Placebogruppe und bei 41,7% in der Nevirapin-Gruppe zum virologischen Versagen (p<0,001). Bei den Frauen, die später mit der Therapie begannen, war die Rate des virologischen Versagens mit 12 Prozent nicht signifikant höher als in einer Vergleichsgruppe (8 Prozent), in der die Frauen ein Placebo erhalten hatten.
Die Studie ergänzt damit frühere Untersuchungsergebnisse, bei welchen die Einmalgabe von Nevirapin häufiger zur Bildung von Resistenzen führt. Diese mit dem Resistenzmechanismus ausgestatteten Viren verlieren diesen aber mit der Zeit scheinbar wieder, es sei denn, eine frühzeitig beginnende Therapie mit Nevirapin begünstigt einen Fortbestand der Resistenz des Virus und somit ein konstantes Nicht-Ansprechen auf dasselbe Medikament. Es kann daher die Schlussfolgerung getroffen werden: Je später dasselbe Medikament wider eingesetzt wird, desto günstiger die Ansprechrate darauf, wobei als Richtwert sechs Monate sinnvoll erscheint.
Europa und Industrieländer:
Für HIV-Infizierte in den Industrieländern gelten grundsätzlich andere Bedingungen als für Patienten in Entwicklungsländern. Die perinatale Prophylaxe besteht in Europa aus einer Kombinationstherapie mehrerer antiretroviralen Medikamente und bietet somit einen verlässlicheren Schutz einerseits und wirkt andererseits der Ausbildung von Resistenzen entgegen. Weiters sind HIV-Infektionen von Neugeborenen wesentlich seltener. In weiten Teilen der Welt, vor allem in Ländern die besonders von dem Problem betroffen sind, gibt es aber nicht die Möglichkeit einer hochentwickelten medizinischen Betreuung oder es fehlt an den nötigen finanziellen Ressourcen für die sehr teure Behandlung mit hochaktiven antiretroviralen Therapeutika. Alternativ wird den werdenden Müttern oft eine Tablette mit dem Wirkstoff Nevirapin gegeben, wenn möglich wird dann den Kindern nach der Geburt noch einmal eine Dosis oral verabreicht. Das erfordert einen sparsamen aber gleichzeitig strategisch gezielten Einsatz von Medikamenten.
Autor: Dr. Wejbora
Quelle: “Response to Antiretroviral Therapy after a Single, Peripartum Dose of Nevirapine”, N Engl J Med 2007 356: 135-147