• Mangelnde Koordination medizinischer und veterinärmedizinischer Maßnahmen: In zahlreichen nationalen Krisenplänen sind möglicherweise notwendige veterinärmedizinische Maßnahmen nicht einmal ansatzweise berücksichtigt. Damit wird die Bekämpfung einer der wichtigsten Verbreitungsmöglichkeiten vernachlässigt.
•Internationale Kooperation bleibt oft Lippenbekenntnis: Praktisch alle nationalen Krisenpläne enthalten zwar klare Bekenntnisse zu enger internationaler Kooperation, aber nur wenige haben überhaupt Planungen angestellt, wie diese internationale Kooperation erfolgen soll.
• Ungeeignete Strategien zur Eindämmung potenzieller Pandemien: Viele Staaten scheinen davon auszugehen, dass Pandemiegefahren nur von außen kommen können. Für die frühe Bekämpfung von Seuchen mit Pandemiepotenzial, die im Inland ausbrechen, fehlen geeignete Strategien.
• Vage ausformulierte Krisenpläne: In vielen Krisenplänen sind kritische Punkte ausgespart geblieben, beispielsweise die Bereitstellung von Impfstoffen. Alle Pläne erkennen dieses Thema als eine Schlüsselfrage an, vielfach fehlt aber jede ausgearbeitete Planung, wie im Pandemiefall tatsächlich eine rasche und ausreichende Produktion sichergestellt werden soll. Das Gleiche gilt für die rasche Bereitstellung von Laborkapazitäten für die Entwicklung neuer Medikamente oder Impfstoffe.
Insgesamt positiv beurteilt wurde hingegen die praktische Umsetzung von Maßnahmen beim Auftreten von Pandemiefällen, die in Form eines umfassenden Praxistests in den 25 EU-Mitgliedsstaaten sowie in der Schweiz, Norwegen und Island überprüft wurde. Jonathan van Tam, Pandemieexperte der Health Protection Agency (UK) erklärte, dass die notwendigen Maßnahmen im Wesentlichen effizient und koordiniert abgelaufen seien. Die bei dem Test aufgetretenen Probleme wie etwa schlecht funktionierende Telefonkonferenzen könnten mit wenig Aufwand behoben werden. Kritisiert wurden von van Tam hingegen, dass die nationalen Krisenpläne zumeist internationale Themen weitgehend unberührt lassen, sowie die unklare Kompetenzaufteilung zwischen internationalen Organisationen, insbesondere WHO, Europäischer Kommission und der ECDC (Europäisches Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten). Van Tam forderte außerdem eine verbindliche Checkliste für die nationalen Maßnahmenpläne. EHFG-Präsident Dr. Günther Leiner dazu: „Solange die Pandemiegefahr noch in guter Erinnerung war, sind einige Maßnahmen gesetzt worden, aber man ist eben oft auf halbem Wege stehen geblieben. Pandemievorsorge ist eine paneuropäische Aufgabe, die nur wirksam ist, wenn alle Länder an einem Strang ziehen.“
Autor: Dr. Friederike Hörandl
Quelle des Artikels Pandemievorsorge in Europa weiterhin lückenhaft: Pressekonferenz im Rahmen des 9. European Health Forum Gastein, 6. Oktober 2006, Bad Hofgastein