ERREGER
Pneumokokken-Impfaktion für Kinder

 

2001 bis 2007 wurden in Österreich 177 Fälle von invasiver Pneumokokken-Infektion bei Kindern unter 5 Jahren gemeldet – sechs davon verliefen tödlich. Das bedeutet einen Anstieg an Neuinfektionen um 63%. Serotypische Untersuchungen ergaben, dass ca. 80% dieser Infektionen durch Impfung verhindert werden hätten können. Diese ist allerdings nur die Spitze des Eisberges: Im ambulanten Bereich werden Pneumokokken-Infektionen häufig ohne Erregernachweis mit Antibiotika behandelt und scheinen in keiner dieser Statistiken auf. Die tatsächliche Erkrankungshäufigkeit liegt daher wesentlich höher.

Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae)
Pneumokokken siedeln sich im Nasen-Rachen-Raum an und werden durch Tröpfcheninfektion übertragen. Träger und Überträger sind hauptsächlich Kinder in den ersten beiden Lebensjahren (60%), Schulkinder zu 35-25%. Erwachsene ohne Kontakt zu Kleinkindern sind nur zu etwa 6% besiedelt. Diese Zahl steigt allerdings mit zunehmendem Alter (>65 Jahre) und geschwächtem Immunsystem wieder an. Die am meisten besiedelten Bevölkerungsgruppen sind gleichzeitig auch in hohem Maße gefährdet, an einer Infektion zu erkranken. Allen voran Säuglinge und Kleinkinder, deren Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet ist. Die spezifische Immunabwehr baut sich in den ersten 24 Lebensmonaten nach und nach auf. Das Immunsystem von Säuglingen und Kleinkindern ist zwar schon sehr früh in der Lage Fremdeiweiß zu erkennen und entsprechende Antikörper zu produzieren, Pneumokokken sind aber von einer Polysaccharid-Kapsel umgeben, die das Bakterium wie eine Tarnkappe umgibt und so für das Immunsystem schwer bis gar nicht erkennbar macht. Das Immunsystem von ungeimpften Kleinkindern beginnt daher bei Kontakt mit diesen Bakterien erst sehr spät die Erreger abzuwehren. Eine Infektion kann zu Mittelohr-, Lungen- und Nasennebenhöhlenentzündungen bis hin zur Hirnhautentzündung führen. Oft entscheidet sich das Schicksal der Patienten bereits in den ersten 24 bis 48 Stunden. In dieser Zeit können bereits schwere Folgeschäden wie Taubheit, neuromotorische Behinderungen oder zerebrale Krampfleiden entstehen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Pneumokokken-Erkrankung weltweit die Hauptursache von Todesfällen bei Kindern unter fünf Jahren.

Um „schwächere“ Kinder vor den Erregern besser schützen zu können, hat man 2006 die kostenlose Impfung für sogenannte „Risikokinder“ (Kinder mit Immundefekten, Organstransplantationen oder neurologischen od. chronischen Erkrankungen, Säuglinge mit Untergewicht, „Frühchen“) eingeführt (= 5-10% der Kinder unter 2 Jahren). Die Einführung dieser finanziellen Unterstützung zeigte bislang jedoch keinen Effekt auf die Morbidität bei Kindern unter 5 Jahren. Laut Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Abteilung für spezielle Prophylaxe und Tropenmedizin am Institut für Tropenmedizin, Universität Wien, gibt es bereits klare Daten darüber, dass durch eine hohe Durchimpfungsrate der Kinder „die Morbidität in allen anderen Altersgruppen der Bevölkerung, vor allem auch bei den Älteren, so stark zurückgeht, dass man von einer Reduktion auf ein Drittel der Fälle schließen kann“. Auch Primar Univ.-Doz. Dr. Christoph Wenisch betont, dass durch das Prinzip der Herdenimmunität, die Pneumokokken-Infektion, die als zweit häufigste Ursache für einen stationären Aufenthalt der älteren Patienten gilt, drastisch gesenkt sowie Todesfälle verhindert werden können.

Der konjugierte Impfstoff für Kinder deckt insgesamt 7 Serotypen von Streptococcus pneumoniae ab. Damit werden 83% jener Serogruppen abgedeckt, von denen bekannt ist, dass sie invasive Pneumokokken-Erkrankungen bei österreichischen Kindern unter fünf Jahren verursachen. Sekundär schützt die Impfung auch vor der zunehmenden Entwicklung von resistenten Bakterien gegen die meisten Standard-Antibiotika (z.B. Penicillin), durch die häufige Gabe dieser Medikamente, um die zahlreichen Pneumokokken-Infektionen zu behandeln. Solche Resistenzentwicklungen können die Therapien vieler anderer Erkrankungen erschweren.


Die Pneumokokken-Awareness-Kampagne
Um die Bevölkerung besser über das Risiko der Pneumokokken-Infektionen zu informieren, wurde im September eine spezielle Kampagne gestartet. Im Rahmen einer Impfaktion ist der Impfstoff vom 1. September bis 29. Februar 2008 in allen Apotheken zum vergünstigten Preis von 79,- Euro (anstatt 117,85 Euro) erhältlich. Der Impfstoff der Firma Wyeth-Lederle Pharma ist sehr gut verträglich und speziell für Säuglinge und Kleinkinder bis zum 5. Lebensjahr konzipiert. Gleichzeitig soll eine breit angelegte Informationskampagne Eltern und Großeltern auf die möglichen Gefahren einer Pneumokokken-Infektion aufmerksam machen. Der Zeitpunkt der Impfaktion ist gut gewählt, da jene Infektionen hauptsächlich in den Wintermonaten auftreten, da zahlreiche respiratorische Virusinfektionen durch die Schleimhautschädigung das Angehen einer Infektion und das Eintreten in den Körper begünstigen. Speziell bei Kindern die einen Kindergarten oder eine Krippe besuchen, kann sich das Risiko einer Infektion um das Dreifache erhöhen.

Wegen des fehlenden Impfschutzes für die Mehrzahl der Kinder (90-95%), ist kaum ein Einfluss auf die Epidemiologie der Erkrankung zu erkennen. Univ.-Prof. Ingomar Mutz, Präsident des Impfausschuss, fordert daher, „dass alle Kinder diese Impfung kostenlos bekommen sollen, da die Akzeptanz sonst nicht ausreichend gegeben ist.“


Bericht: Mag. Elisabeth Pipelka
Quelle: Pressekonferenz „Pneumokokken-Awareness-Kampagne“, 3. September 2007, Wien
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