INFEKTIONEN
Poliomyelitis: Eradikation geht in die entscheidende Phase

 

Basierend auf seiner großen Erfahrung im Umgang mit Pocken, Ebola, HIV, West-Niles Virus und Polio, berichtete Dr. David Heymann, Experte der WHO, vom Kampf gegen die schon zeitweise für besiegt gehaltene Kinderlähmung: “Die Arbeit der letzten Jahre muss fortgeführt werden, damit sich die Investitionen rentieren. Seit 1988 sind rund 4 Milliarden Euro in die Polio Eradikationskampagne geflossen, Schätzungen zufolge werden aber noch weitere ein bis zwei Milliarden Euro nötig sein, bis Polio endgültig keine Bedrohung mehr darstellt.“

An Polio erkrankten im Jahr 1988 noch 350 000 Kinder in 125 Ländern weltweit, 2003 nur noch 783 in sechs Staaten.

Tatsächlich ist die globale Polio-Eradikationsinitiative in ihrem letzten und entscheidenden Stadium angelangt: Die Impfaktivität in allen Ländern, in denen Polio endemisch vorkommt oder in Staaten die zwar zeitweise als Virus-frei galten, aber jetzt Neu-Infektionen aufweisen, wird intensiviert. Für diese letzte Anstrengung will die WHO ca. 600 Millionen Dollar einsetzen und das Projekt bis 2009 abschließen. Neue Strategien wurden deshalb entwickelt, um die Transmission der letzten vorhandenen von Mensch zu Mensch übertragbaren Polio-Viren zu vernichten. Die Maßnahmen beinhalten den Einsatz von monovalenten Typ 1 oralen Polio-Vakzin (mOPV1), sowie eine internationale Zusammenarbeit in der Überwachung und Registrierung von neuen Polio-Fällen. Der große Erfolg der jahrzehntelangen Arbeit wird mit der Bestätigung, dass der letzte Wildtyp Polio-Virus ausgelöscht wurde, Früchte tragen. Wenn es soweit ist, wird aus gesundheitspolitischer Sicht die routinemäßige Impfung von Polio überflüssig sein und somit die auf eine Impfung zurückzuführende Impfstoff-Assoziierte Paralytische Poliomyelitis keine Opfer mehr fordern. Im Rahmen der Polio-Schluckimpfung verabreichen Ärzte lebende, aber ungefährliche Viren, die die körpereigenen Abwehrkräfte auf wilde Polioerreger ansetzen. In Einzelfällen können sich einige der Viren so verändern, dass sie wieder Lähmungserscheinungen auslösen. Verabreicht man den bisherigen, gegen drei Subtypen wirkenden Impfstoff, können eine oder zwei der Komponenten der Schutzimpfung solche veränderten Impfviren bilden.

Inzidenz und Prävalenz-Faktoren:

Laut WHO Bericht sind die Länder mit der höchsten Inzidenz an Polioerkrankungen Indien, Pakistan, Afghanistan und Länder Westafrikas (ausgehend von Nigeria).
Bemerkenswert sind die unterschiedlichen Ursachen für die hohe Zahl an Polioerkrankungen in den einzelnen Regionen:
Trotz der großen Bemühungen der indischen Regierung, dem Polio-Virus Einhalt zu gebieten, indem 200 Millionen US-Dollar in Impfkampagnen und mehr Ärzte, sowie bessere regionale Versorgung investiert wurden, weist Indien die höchste Prävalenz an Polio-Fällen auf. Vermutlich ist das auf die hohen Transmissionraten in den dicht besiedelten Vorstädten Indiens zurückzuführen.
Die regionalen Schwierigkeiten in Pakistan und Afghanistan sind primär auf eine hohe Transmissionsrate und durch die Schwierigkeit von health care Einsätzen in einigen militärisch unsicheren Gebieten gekennzeichnet.

In Nigeria, dem Land mit der höchsten Inzidenz an Polio-Erkrankungen, ist die Problematik eher auf ein schlechtes Gesundheitswesen und ineffiziente Impfkampagnen zurückzuführen, was zu einer dramatisch niedrigen Immunität der Bevölkerung gegen Polio geführt hat. 2003 führte eine politisch-religiös motivierte Aussage eines nigerianischen Staatsoberhauptes zu Protesten gegen die Impfung in Nigeria, und innerhalb kürzester Zeit breitete sich das Virus von Nigeria auf 24 weitere Länder aus. „Erst 2005 gelang es, diese Ausbreitung in den Griff zu bekommen“, berichtete Dr. D. Heymann

Generelle Empfehlungen der WHO im Umgang mit Polio sind:

1) Menschen die in Gebiete mit Poliofällen reisen, sollten mittels OPV (orales Polio Vakzin) gegen Polio immunisiert werden.
2) Menschen die aus Polio Endemiegebieten ausreisen, sollten eine OPV Impfung vorweisen können.

Obwohl dem Poliovirus kein natürliches Reservoir außer dem Menschen zur Verfügung steht, und globale Impfkampagnen mit einem einfach zu verabreichenden Impfstoff Virusausbrüche bereits auf einzelne begrenzte Gebiete eingeschränkt haben, schätzt man die Zahl der Neuinfektionen höher als die tatsächlich registrierten Fälle, da auf einen Fall von Kinderlähmung zahlreiche asymptomatische Fälle kommen.

Laut Dr. D. Heymann müssen vor allem zwei Faktoren zusammenspielen um Polio erfolgreich zu bekämpfen. Erstens ist eine politische Unterstützung aller Staaten auf globaler und nationaler Ebene für ein routinemäßiges und engmaschiges Impfprogramm notwendig.
Zweitens müssen die Bemühungen in den so genannten dritte Welt Staaten intensiviert werden, um wenn nötig völlige neue Impfkampagnen zu entwickeln. Personal, das auch die allerletzten Dörfer aufsucht, und ein massiver Einsatz von Impfstoffen sind die entscheidenden Maßnahmen.
Aus Erfahrung ist bekannt, dass globalen Strategien effizient und zielsicher durchgeführt werden, allerdings routinemäßige Impfungen auf lokaler Ebene oft an einfachen logistischen Problemen scheitern.

Status post Polio:

Die eigentliche Gefahr nach einer Eradikation von Polio geht dann laut Heymann paradoxerweise vom Impfstoff und dessen Produktion an sich aus: „3 Jahre nach der letzten Wild-Typ Polio Registrierung müssen folgende Schritte gesetzt werden:
1) Die Impfprogramme müssen gestoppt werden um die Freisetzung von Polio-Viren zu verhindern
2) Alle Virusstämme in medizinisch-biologischen Labors müssen vernichtet werden, um eine mögliche Virusfreisetzung vorzubeugen
3) Präventiv sollten große Mengen an Impfstoff in Reserve gehalten werden, um im Fall von lokalen Polio-Ausbrüchen gewappnet zu sein
4) Letztendlich muss das bestehende System zur Überwachung von Polio ausgebaut und über mehrere Jahre erhalten bleiben, mit dem Ziel so schnell wie möglich auf eine drohende Epidemie bzw. Wiederaufflammen reagieren zu können. Ob Polio tatsächlich ausgerottet sein wird, werden die Experten also erst Jahre nach dem letzten Erkrankungsfall mit Sicherheit sagen können.

Der Abschluss der Arbeiten zur Polio-Eradikation wird dementsprechend ein ähnlich hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit, finanziellen Aufwand und Koordination erfordern wie die eigentliche Initiative. Ironischerweise sind die notwendigen Schritte scheinbar das Gegenteil der bisherigen Maßnahmen und in ihrer Gesamtheit eine Herausforderung, welche die Welt bis heute an die Grenze einer poliofreien Gesellschaft geführt hat. Als Vorzeigebeispiel einer gelungen globalen Strategie zur Ausrottung einer Infektionskrankheit gilt die Befreiung der Menschen von den Pocken in den siebziger Jahren, und sie zeigt, dass der Kampf gegen eine Seuche auch endgültig gewonnen werden kann.

Autor: Dr. M. Wejbora
Quelle:IMED-Internationaler Infektionskrankheitenkongress 2007,Vortrag: Dr. David Heymann "Polio-Eradication"
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