INFEKTIONEN
Tropenkrankheiten: Einzug in gemäßigtes Klima [12.12.2007]

 

Häufige Auslandsreisen begünstigen die Ausbreitung verschiedener Tropenkrankheiten in gemäßigteren Breiten. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, auf neue infektiöse Bedrohungen vorbereitet zu sein. Am Istituto Superiore di Sanità in Rom wurden hierzu retrospektive Fallanalysen durchgeführt.

Vor einigen Wochen wurde in Italien ein Ausbruch des Chikungunya-Fiebers gemeldet. Das Chikungunya-Virus (CHIKV) wird von Stechmücken der Gattung Aedes auf den Menschen übertragen. Symptome des Chikungunya-Fiebers sind Gelenkschmerzen sowie Fieber mit mehr als 38,5 Grad Celsius. Bisher war das Chikungunya-Fiebers in mehreren afrikanischen Staaten, dem indischen Subkontinent sowie in Südostasien bekannt. In vergangenen Jahren sind im Rahmen der Globalisierung eine Reihe dieser Fiebererkrankungen in einem breiten geografischen Raum aufgetreten, darunter Kenia, die Komoren, La Réunion, weitere Inseln des Indischen Ozeans sowie Indien.

Fallanalysen
Unter der Leitung von Professor Antonio Cassone von der Abteilung für Infektions-, parasitische und Immunkrankheiten am Istituto Superiore di Sanità in Rom wurden Berichte einer großen Anzahl fieberhafter Erkrankungen und Arthralgien unbekannter Herkunft in zwei benachbarten Dörfern in der Region von Ravenna im nordöstlichen Italien überprüft. Zur Feststellung der Ursache wurde ein Kontrollsystem eingerichtet sowie zahlreiche Blutproben analysiert.

Die Untersuchungen ergaben, dass zwischen dem 4. Juli und dem 27. September 2007 insgesamt 205 Fälle des Chikungunya-Fiebers diagnostiziert werden konnten. Die Forscher vermuten, dass diese Erkrankungen von einem Inder ausgingen, der während des Besuchs von Verwandten Symptome zeigte und Antikörper gegen das Virus entwickelte, wie später nachgewiesen wurde. Die Beobachter identifizierten das Virus auch in lokalen Proben des Insektes Aedes albopictus, auch bekannt als Asiatische Tigermücke. Untersuchungen zeigten eine hohe Ähnlichkeit zwischen den in Italien gefundenen und jenen während eines früheren Ausbruchs auf Inseln im Indischen Ozean identifizierten Stämmen. Die Erkrankung verlief in nahezu allen Fällen gemäßigt, nur ein Todesfall wurde gemeldet.

Conclusio
“Das Ereignis eines Ausbruchs des Chikungunya-Fiebers in einem Land mit gemäßigtem Klima unterstreicht, dass die vorhergesagte Globalisierung von Menschen und übertragenden Vektoren längst Realität geworden ist. Um neue, bislang auf tropische Zonen beschränkte potenzielle Bedrohungen unverzüglich identifizieren zu können, müssen in den Ländern mit gemäßigtem Klima, in denen Vektoren exotischer Krankheiten bereits zirkulieren, klinische und diagnostische Maßnahmen entwickelt werden“, so die Autoren.

In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. Jean-Paul Chretien vom Department of Defense Global Emergency Infections Surveillance and Response System im US-amerikanischen Silver Spring und Dr. Kenneth Linthicum vom USDA-ARS Center for Medical, Agricultural and Veterinary Entomology in Gainesville, dass Länder mit hohem Einkommensstatus ihre Vektor kontrollierenden Einsatzmöglichkeiten beibehalten müssen sowie erkennen sollten, dass Schwächen in den öffentlichen Gesundheitssystemen der Entwicklungsländern alle anderen Länder betreffem. Ihrer Meinung nach liefern die kürzlich im Juni von der WHO eingerichteten und für die Mitgliedsstaaten verbindlichen Internationalen Gesundheitsvorschriften die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen, da sie von den Ländern eine effektive Reaktion auf Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit verlangen.

Die Realisierung solcher Maßnahmen ist vor allem für Entwicklungsländer jedoch nicht finanzierbar sowie technisch schwer zu realisieren. Vorteilhaft ist hier die Tatsache, dass Länder mit besserem Einkommensstatus sich durch die Ausbreitung tropischer Krankheiten gezwungen sehen, dies als ein gemeinsames Problem zu sehen und dadurch zusätzliche Mittel zur Kontrolle am Ursprungsort zur Verfügung stellen.

Quelle: G Rezza et al: Infection with chikungunya virus in Italy: an outbreak in a temperate region. Lancet 2007; 370: 1840
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