INFEKTIONEN
(Zu) häufiger Antibiotika-Einsatz auf Intensivstationen [13.02.2008]

 

Jeder Patient, der in Deutschland auf Intensivstation behandelt wird, erhält im Durchschnitt mehr als ein Antibiotikum pro Tag. Dies geht aus einer Umfrage in 43 Kliniken hervor, die in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) veröffentlicht wurde. Experten befürchten, dass der unbedachte Einsatz von Antibiotika die Vermehrung von resistenten Bakterien fördert und dass die lebensrettenden Medikamente in Zukunft ihre Wirkung verlieren könnten.

Seit 2001 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Projekt, das den Antibiotika-Einsatz auf Intensivstationen beobachtet. Die Teilnahme ist freiwillig, und die jetzt von Dr. Elisabeth Meyer von der Universität Freiburg veröffentlichten Daten sind deshalb nicht unbedingt repräsentativ. Auch könne aus einem hohen Antibiotika-Verbrauch nicht unbedingt geschlossen werden, dass die Patienten die Medikamente unnötigerweise erhalten, sagt die Medizinerin. Selbstverständlich müssten schwerkranke Menschen vor Infektionen geschützt werden.

Zu denken gebe Dr. Meyer allerdings die deutlichen Unterschiede zwischen den Kliniken: Einige Intensivmediziner verordnen viermal so viele Antibiotika als andere. Dr. Meyer vermutet hohe Einsparpotenziale und fordert die "Maximalverbraucher" auf, ihren Antibiotika-Einsatz kritisch zu prüfen.

Bedenklich findet sie auch, dass Intensivmediziner immer wieder auf die gleichen Antibiotika zurückgreifen. Fast die Hälfte aller Verordnungen auf einer Station entfallen auf drei Wirkstoffe, wobei die bevorzugten Medikamente von Klinik zu Klinik unterschiedlich sind. Dies ist eine Folge des so genannten erfahrungsgemäßen "empirischen" Einsatzes. Bei einem schwer kranken Patienten müssen die Ärzte sofort ein Antibiotikum geben, noch bevor Labortests eine gezieltere Auswahl erlauben. In dieser Situation verlassen sich die Mediziner häufig auf Antibiotika, mit denen sie bei früheren Patienten gute Erfahrungen gemacht haben. Das ist aus Sicht der Ärzte verständlich, fördert aber die Ausbreitung von Resistenzen. Ein häufiger Wechsel der Medikamente kann die Wirksamkeit auf Dauer besser erhalten, glaubt Dr. Meyer.

Sie kritisiert auch den häufigen Einsatz einer besonderen Antibiotikagruppe: Auf Chinolone entfällt ein Drittel aller auf Intensivstationen verordneten Antibiotika. Chinolone werden auch häufig in der Tiermedizin und von Viehzüchtern als "Mastbeschleuniger" eingesetzt, was die Bildung von Resistenzen zusätzlich fördere, befürchtet die Expertin.

Quelle: E. Meyer et al: Diversität des Antibiotikaverbrauchs auf Intensivstationen in Deutschland. DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (6): S. 235-240
goto top of page

© Österreichische Gesellschaft für Antimikrobielle Chemotherapie
© Universimed New Media GmbH
A-1150 Wien, Markgraf-Rüdiger-Strasse 8

office@infektionsnetz.at

 

 

 

 

 

 

A-1150 Wien, Markgraf-Rüdiger-Straße 8