PERIOPERATIVE ANTIBIOTIKA-PROPHYLAXE
 
Definition Erreger Prophylaxe
Diagnostik Komplikationen Handelspräparate aus dem Pharmaangebot
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Synonyme
Antibiotika-Prophylaxe
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Definition
– Als "perioperative Antibiotika-Prophylaxe" wird eine kurz dauernde Antibiotika-Abschirmung bei chirurgischen Indikationen mit hohem postoperativem Infektions-Risiko bezeichnet.

– Ziel der perioperativen Antibiotika-Prophylaxe ist, oberflächliche und tiefe postoperative Wundinfektionen oder andere postoperative infektiöse Komplikationen (z.B. Pneumonie, Sepsis, Harnwegsinfekte) zu verhindern oder zu reduzieren.
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Erreger
Die wichtigsten Erreger, gegen welche eine perioperative Prophylaxe eingesetzt wird, entsprechen einerseits dem körpereigenem Erregerspektum der jeweiligen Körperregion, wo die Operation durchgeführt wird (z.B. Mundhöhle, Darm etc.) bzw. potentiellen Keimen bei Patienten mit Abwehrschwäche, anderseits bei Verletzungen den zu erwartenden Infektionskeimen (z.B. bei Tierbissen, Schusswunden, Verschmutzung durch Erde, Fäkalien etc.).

Staphylokokken
Streptokokken
Clostridien
– Anaerobier (Bacteroides, anaerobe Streptokokken, Fusobakterien, Veillonellen, Popionibakterien, Aktinomyzeten)
– Enterobakterien (z.B. Escherichia, Shigella, Salmonella, Citrobacter, Klebsiella, Enterobacter, Serratia, Hafnia, Edwardsiella, Proteus, Providencia, Morganella, Yersinia)
– Andere
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Prophylaxe
Grundregeln für eine Antibiotika-Prophylaxe

– Die perioperative Antibiotika-Prophylaxe hat üblicherweise mit Beginn der Narkose einzusetzen, (auf jeden Fall aber 30 - 60 min. bevor operative Handlungen gesetzt werden), um eine rechtzeitige Verteilung des Antibiotikums im Gewebe bzw. zum Ort einer potentiellen Infektion zu gewährleisten. Die Antibiotikagabe erst nach Wundverschluss ist wirkungslos.

– Eine perioperative Prophylaxe ist nur bei Operationen mit erhöhtem postoperativen Infektionsrisiko indiziert (siehe Tabellen). Indikationen sind Wundinfektionsraten (Wundinfektions-Risiko) > 5 %, mögliche schwerwiegende lokale Folgen (z.B. Neurochirurgie) bzw. mögliche schwerwiegende systemische Folgen (z.B. immunsupprimierte Patienten).
Die unkritische Antibiotikaprophylaxe bzw. eine generelle Verabreichung von Antibiotika nach aseptischen Operationen ist u.a. wegen der möglichen Selektion resistenter Keime abzulehnen.

– Kriterien für die Auswahl eines geeigneten Antibiotikum sind Art und Dauer der OP, die zu erwartenden Erreger, Resistenzbildung, Pharmakokinetik (Halbwertszeit, Gewebekonzentration), Toxizität und vor allem klinische Erfahrung, belegt durch prospektive klinische Studien.
Ein "prophylaktisches Antibiotikum" darf nicht toxisch oder teuer sein. Keine Verwendung von "Panzerschrank-Antibiotika"!

– Antibiotika-Prophylaxe so kurz wie möglich ("single shot").
Bei OP-Dauer > 2,5 bis 3 Stunden oder bei OP mit Blutverlust > 1 Liter sollte eine Wiederholungsdosis verabreicht werden. Generell sollte eine weitere Dosis verabreicht werden, wenn die OP länger dauert als das 2,5-fache der Halbwertszeit des verwendeten Antibiotikums.

– Wenn während der Operation eine Situation eintritt, die eine Antibiotikaprohylaxe indiziert (z.B. Eröffnung eines Hohlorgans), ist umgehend ein geeignetes Antibiotikum zu applizieren. Die chirurgische Antibiotikaprophylaxe ist daher weitgehend die Aufgabe des Anästhesisten.

– Die Gefährdung durch eine Kurzzeitprophylaxe wird oft überschätzt; sie steht in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den die Unterlassung einer indizierten perioperativen Prophylaxe zur Folge hat. Die Zurückhaltung bei der prophylaktischen Anwendung von Antibiotika in der Chirurgie darf auf keinen Fall zur Unterlassung einer notwendigen Gasbrandprophylaxe führen.

– Infektionen, die prae- oder intraoperativ diagnostiziert werden, müssen ausreichend behandelt werden. Die perioperative Prophylaxe darf nicht mit einer notwendigen langdauernden perioperativen Behandlung in der septischen Chirurgie verwechselt werden. Die Ausräumung eines Infektionsherdes (z.B. bei Osteomyelitis) erfordert stets eine mehrwöchige Antibiotikatherapie (z.T. auch mit anderen Antibiotika als die bei der perioperativen Prophylaxe hauptsächlich angewendeten).

Antibiotika-Prophylaxe in der Chirurgie

OP-Gebiet
Infektionen mit hohem Wundinfektions-Risiko
Antibiotika der Wahl
Alternative / Kommentar
Allgemeinchirurgie  
Dickdarmchirurgie
(perioperative Prophylaxe obligat)

Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure

Cefazolin oder Cefuroxim oder Cefotiam + Metronidazol
oder Cefoxitin
Risikopatienten:Ceftriaxon + Metronidazol
Bei allen Eingriffen mit Eröffnung des Dickdarms
Appendektomie
(gangränöse Appendizitis,
perityphlitischer Abszess ± Perforation)
Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure Cefazolin + Metronidazol
Bei Perforation Therapie über 3 - 5 Tage erforderlich
Eingriffe an Gallenwegen Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure

Cefazolin oder Cefuroxim oder Cefotiam
Bei Risikopatienten (< 60 Jahre, Diabetes, Ikterus, komplizierter Verlauf, Cholangitis: Piperacillin/Tazobactam oder Ceftriaxon + Metronidazol als Therapie über mehrere Tage

Eingriffe am Magen / Duodenum
(Risikopatienten: Malignom, Anazidität, Alter > 70 Lj., schwere Magenblutung, voroperierter Magen)

Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure

Cefazolin oder
Cefotiam oder
Cefuroxim
Bei Patienten mit hohem Risiko (blutendes Duodenalulkus, Magenkarzinom, Adipositas): Ceftriaxon + Metronidazol
Leber-, Pankreas-, Ösophagusresektion Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam ± Metronidazol
Clindamycin + Gentamycin;
Risikopatienten: Ceftriaxon + Metronidazol
Thorax- und Gefäßchirurgie  
Herz-, Gefäß-, Implantations-chirurgie Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam

Vancomycin ± Gentamycin
Prophylaxe > 1 Tag führt nicht zur Senkung der Infektionsrate

Lungenchirurgie
(Risikopatienten: Alter > 60 Lj., Chronische Bronchitis, starke Raucher, Adipositas, Emphysem, Malignom)
Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Vancomycin
Gefäßchirurgie
(Eingriffe an peripheren Gefäßen, Gefäßprothesen, Mehrfacheingriffe)
Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Vancomycin
insbesondere bei hohen Infektionsraten
Beinamputation Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure Cefuroxim oder
Cefotiam + Metronidazol
Unfallchirurgie, Orthopädische Eingriffe  
Arthroalloplastik Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam + Metronidazol
Clindamycin + Gentamycin
Wirksamkeit von Antibiotika-haltigem Zement ähnlich systemischer Antibiotika-Therapie
Offene Fraktur Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam + Metronidazol
Bei komplizierten offenen Frakturen Therapie bis zu 10 Tagen
Plastische Chirurgie,
Handchirurgie
Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure
Neurochirurgie  
Liquor-Shunt-Operationen
Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Vancomycin
indiziert nur bei Infektionsraten > 10 %
Kraniotomie Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Vancomycin
indiziert nur bei Eingriffen mit hohem Risiko
Oropharynx-, Larynx-Chirurgie Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam + Metronidazol
Augenchirurgie topische Instillation vor OP: Aminoglykosid; Fluorchinolon; Neomycin-Gramicidin-Polymyxin B subkonjunktival: Cefazolin (optional)
Tobramycin (optional)
Bissverletzungen
Mensch, Tier
Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure  
Urologische Eingriffe  
an Harnwegen mit Eröffnung des Darmsegments Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure Cefuroxim oder
Cefotiam + Metronidazol
Bei antibiotischer Vorbehandlung oder vorheriger permanenter Harnableitung: Ceftriaxon
an Harnwegen ohne Eröffnung des Darmsegments Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure

Ciprofloxacin;
Cefuroxim oder
Cefotiam
nur bei Risikopatienten;
Bei antibiotischer Vorbehandlung oder vorheriger permanenter Harnableitung: Ceftriaxon

Endoskopisch-urologische Eingriffe inkl. externe Steinzertrümmerung Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure Ciprofloxacin;
Cefuroxim oder
Cefotiam
nur bei Risikopatienten;
Bei antibiotischer Vorbehandlung oder vorheriger permanenter Harnableitung: Ceftriaxon
Gynäkologische Eingriffe
Geburtshilfe
 
Sectio Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure
Clindamycin + Ceftriaxon
Keine Prophylaxe bei geplanten, unkomplizierten Eingriffen
Kürettage, Abort im 2. Trimenon Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure
Keine Prophylaxe bei unkomplizierter Kürettage

Induzierter Abort im 1. Trimenon; anamnestisch Adnexitis
Doxycyclin Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Abdominale oder vaginale Hysterektomie Cefazolin oder
Cefuroxim oder
Cefotiam
Doxycyclin

Modifizierte Zusammenfassung der Empfehlungen der Paul Ehrlich Gesellschaft (PEG) u.a.

Indikationen zur Antibiotika-Prophylaxe in der Traumatologie

Indikationen
Keimsituation
Antibiotika
Stark verschmutzte Wunden und verspätete Wundversorgung

Clostridien (Gasbrandgefahr!)
Streptokokken

Penicillin G oder Penicillin V
Offene Frakturen, traumatische Eröffnung von Gelenken oder Körperhöhlen aerob/anaerobe Mischflora
Clostridien (Gasbrandgefahr!)

Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure
Cefoxitin
Cefotaxim + Metronidazol
Carbapenem (Imipenem/Cilastatin oder Meropenem)

Schuss- oder Stichverletzungen
(AB-Prophylaxe obligat)
aerob/anaerobe MischfloraAmpicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure
Cefoxitin
Cefotaxim + Metronidazol
Carbapenem (Imipenem/Cilastatin oder Meropenem )
Tierbisse

Pasteurella multocida
Capnocytophaga
Streptokokken
Anaerobier
Staphylokokken

Penicillin G oder Penicillin V
Ampicillin/Sulbactam, Amoxicillin/Clavulansäure
Doxycyclin
Carbapenem (Imipenem/Cilastatin oder Meropenem)
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Diagnostik
Einteilung der Eingriffe nach Kontaminationsgrad

Aseptisch:
Die Schleimhaut des Respirations-, Gastrointestinal- oder Urogenitaltrakts wird dabei nicht verletzt. Häufigste Keime sind Staphylokokken. Bi einer Wundinfektionsrate von < 2 % ist eine Antibiotika-Prophylaxe nicht notwendig. Ausnahme: Implantation von Fremdmaterial.

Kontaminiert:
Die Schleimhaut des Respirations-, Gastrointestinal- oder Urogenitaltrakts wird verletzt. Häufigste Erreger im Respirationstrakt sind Streptokokken und Staphylokokken, im Gastrointestinal- und Urogenitaltrakt Enterobakterien, Enterokokken und Anaerobier.

Septisch:
Eingriffe in Körperregionen mit massiver bakterieller Kontamination oder offene Traumata mit starker Verschmutzung. Meistens polymikrobielle Infektionen mit Escherichia coli und Anaerobiern. Die Wundinfektionsrate kann durch die Antibiotika-Prophylaxe von 25 % auf 5 % gesenkt werden.
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Komplikationen
Präoperative Risikofaktoren
– Notfalleingriffe
– kontaminierte Wunden
– Hochrisiko-Eingriffe
– Fremdkörperimplantationen
– > 3 Wochen präoperativer Krankenhausaufenthalt
– OP innerhalb 4 Wochen nach Akutaufnahme
– Steine oder wiederholte Eingriffe in/an den Gallenwegen

Perioperative Risikofaktoren
– Erfahrungsstand des OP-Teams
– OP-Dauer > 2 Stunden
– ausgedehnte Blutungen
– Notwendigkeit von Bluttransfusionen
– OP-Komplikationen
– mehrere operative Eingriffe
– ausgedehnte Diathermie
– Sauerstoffabfall
– Unterkühlung

Postoperative Risikofaktoren
– Drainagedauer > 3 Tage
– Respiratorische Sepsis
– Unterkühlung
– Harnkatheter
– zentrale Venenkatheter
– Nachweis von Enterokokken, Enterobakterien oder Anaerobiern im Wundareal

Patientenspezifische Risikofaktoren für postoperative Infektionen
– Hohes Lebensalter (> 70 Jahre)
– reduzierter Allgemeinzustand
– Mangelernährung
– Adipositas
– Dialysepflicht
– Diabetes mellitus
– Immuninkompetenz
– Infektionen/Fieber vor Operation
– MRSA-Trägertum
– Drogenabusus
– Leberinsuffizienz
– arterielle Minderdurchblutung
– periphere Ödeme
– Lymphangitis
– Neuropathie
– weibliches Geschlecht bei bestimmten Indikationen
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Handelspräparate aus dem Pharmaangebot
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A07Antidiarrhoika und intestinale Antiphlogistika/Antiinfektiva
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(Gebro), Rifaximin, Dos.: siehe Fachinformation
JAntiinfektiva zur systemischen Anwendung
J01Antibiotika zur systemischen Anwendung
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