ALLGEMEINE EPIDEMIOLOGIE
WHO-Definition
Einteilung der Epidemiologie
Bevölkerung
Vergleiche
Epidemiologische Studien
Epidemiologie im Rahmen der Infektiologie
Glossar epidemiologischer Begriffe
 
WHO-Definition
Die Epidemiologie befasst sich mit der Untersuchung der Verteilung von Krankheiten, physiologischen Variablen und sozialen Krankheitsfolgen in menschlichen Bevölkerungsgruppen sowie mit den Faktoren, die diese Verteilung beeinflussen

Man kann die Epidemiologie auch als den Nachrichtendienst des Gesundheitswesens bezeichnen, denn sie erbringt folgende Leistungen:

– Information über die Häufigkeit von Krankheiten

– Hinweise auf bisher unbekannte Gesundheitsstörungen

– Beitrag zur Aufklärung von Risikofaktoren und Erkrankungsursachen

– Bestimmung der Verteilung von Erkrankungsursachen und Risikofaktoren in der Bevölkerung oder in der Umwelt = Voraussetzung für präventive Maßnahmen

– Kontrolle der Wirksamkeit von Maßnahmen des Gesundheitswesens

Die Epidemiologie (bevölkerungsbezogen) unterscheidet sich wesentlich von der klinischen Medizin (individuumbezogen), Methoden und Ergebnisse beider ergänzen sich gegenseitig und zwar sowohl im Bereich der Diagnostik als auch in der Therapie.


Einteilung der Epidemiologie
Die deskriptive Epidemiologie
ist mit der Beschreibung der Häufigkeit bestimmter Erkrankungen und deren Verteilung befasst und damit der Ausgangspunkt für die

analytische Epidemiologie,
die zur Ursachenforschung einer bestimmten Krankheit beiträgt.

Der experimentellen Epidemiologie
obliegt die Beurteilung des Effektes von Interventionsmaßnahmen gegen bereits aufgetretene Erkrankungen oder von präventiven Maßnahmen.

Die Epidemiologie liefert die Grundlagen der Prävention und der Präventivmedizin. Die bereits erzielten Erfolge der Präventivmedizin beruhen zum großen Teil auf epidemiologischen Erkenntnissen; Maßnahmen der Prävention werden mit Hilfe epidemiologischer Methoden auf ihre Wirksamkeit überprüft.


Bevölkerung
Epidemiologie ist eine bevölkerungsbezogene Wissenschaft, d.h. Untersuchungsgegenstand ist die Bevölkerung, jede Aussage in der Epidemiologie bezieht sich auf eine Bevölkerung (Population) z.B. der Welt, eines Landes, eines Gebietes, einer Stadt oder einer gut definierten Untersuchungseinheit.
Die Epidemiologie versteht unter Bevölkerung aber auch die Grundgesamtheit aller Einheiten, aus welcher eine Stichprobe gezogen wird. Dabei kann es sich z.B. um Krankengeschichten, um Laboruntersuchungen, um Schüler einer bestimmten Schule etc. handeln.
Während der Kliniker sich dem individuellen Patienten widmet, fragt sich der Epidemiologe bei jedem "Fall", aus welcher "Bevölkerung" er stammt.

Die Wissenschaft, die sich mit der Beschreibung der Bevölkerung befasst, nennt sich Demographie. Die Zahlen werden durch Volkszählungen (meist alle 10 Jahre), Meldepflicht etc. ermittelt. Die Migration ist aber eine relativ schlecht erfasste Größe. In Ländern ohne Einwohnerkontrolle sind oft nur Schätzungen mit entsprechenden Fehlerquoten möglich.

Der Altersaufbau einer Bevölkerung wird am besten mit einer Pyramide (sog. Bevölkerungspyramide) dargestellt, deren Form von Geburten, Sterbefällen und Migration abhängt.


Vergleiche
Epidemiologische Aussagen beruhen auf Vergleichen. Um Messungen vergleichbar zu machen, werden im allgemeinen Ziffern oder Raten verwendet. Die Ziffern beziehen die beobachteten Fälle auf die Bevölkerung, aus welcher sie sich rekrutieren. Bei Vergleichen zwischen verschiedenen Ziffern ist der Zusammensetzung des Nenners besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Ziffern sind nur vergleichbar, wenn die Nenner vergleichbare Zusammensetzungen haben.

Die Ziffer
Grundlage desepidemiologischen Vergleichs sind Raten oder Ziffern. Die meisten Ziffern lassen sich folgendermaßen darstellen: die Häufigkeit eines beobachteten Zustandes oder Ereignisses dividiert durch die Gesamtzahl derjenigen, bei welchen dieser Zustand oder dieses Ereignis vorkommen könnte. Der Nenner besteht also aus all jenen und n u r jenen, die im Zähler erscheinen könnten, eine Regel, die häufig verletzt wird.

Um Ziffern vergleichen zu können, müssen ihre Nenner vergleichbare Zusammensetzung haben, mit anderen Worten müssen die Bevölkerungen, auf welche sich die Ziffern beziehen, in den relevanten Kriterien möglichst gleich sein. Standardisierungsmethoden müssen die Bevölkerungen vergleichbar machen.

Inzidenz
Die Inzidenz ist ein Maß für das Neuauftreten einer bestimmten Krankheit in einer bestimmten Bevölkerung während eines bestimmten Zeitraumes (meist ein Jahr).

Inzidenzstudien brauchen häufig lange Beobachtungszeiten großer Kollektive: sie sind daher kosten- und zeitaufwendig. Sie erlauben dafür genaue Angaben über Risiken. Die Inzidenz wird meist auf ein Jahr bezogen, weil dieselbe Krankheit in einem Individuum wiederholt auftreten kann. Ein neuer Fall bleibt solange ein Fall, bis er geheilt ist.

Prävalenz
Als Prävalenz bezeichnet man die Anzahl der Fälle einer bestimmten Krankheit oder eines Zustandes in einer bestimmten Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Die Beziehung zwischen Prävalenz und Inzidenz kann folgendermaßen beschrieben werden:
Pävalenz = Inzidenz x durchschnittliche Krankheitsdauer
Ein neu Erkrankter trägt zum Zeitpunkt seiner Erkrankung zur Inzidenz bei, während der ganzen Krankheitsdauer zur Prävalenz. Prävalenz ist ein gutes Maß für Krankheiten oder Veränderungen, die relativ stabil bleiben, sie ist ein ungeeignetes Maß für akute Krankheiten.

Risiko
Das Risiko ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis eintritt, d.h. dass ein Individuum in einer bestimmten Zeitperiode oder einem bestimmten Alter krank wird oder stirbt.

Werden zwei Bevölkerungen oder Bevölkerungsgruppen miteinander verglichen, so kann damit das relative Risiko errechnet werden. Das relative Risiko wird meist ausgedrückt als Risiko von Krankheit oder Tod in einer exponierten Gruppe im Vergleich zu einer nicht exponierten. Exposition kann dabei in der deskriptiven Epidemiologie auch bedeuten, dass ein Individuum an einem bestimmten Ort lebt oder als Mann oder Frau zur Welt gekommen ist. Das relative Risiko wird in absoluten Zahlen ausgedrückt, wobei ein gleiches Risiko zwischen Exponierten und Nichtexponierten einem Risikoqotienten von 1 entspricht.

Gesundheitsindikatoren
Zum internationalen Vergleich des Gesundheitszustandes und des Gesundheitswesens definiert die WHO verschiedene Gesundheitsindikatoren ("Anzeiger"). Teilweise sind sie epidemiologische Größen, teilweise auch ökonomische oder soziologische.

Weltweite Indikatoren:

– Säuglingssterblichkeit

– Kindersterblichkeit

– Geburtenziffer

– Lebenserwartung bei der Geburt insgesamt und für Männer und Frauen getrennt

– Ursachenspezifische Sterbeziffern, alterspezifische und geschlechstspezifische Sterbeziffern

– Müttersterblichkeit

– Geburtsgewichtsverteilung

– Prävalenz und Inzidenz von Infektionskrankheiten

Jeder praktizierende Arzt in jedem Land dieser Welt trägt zur Vollständigkeit dieser Statistiken bei, sei es durch Ausfüllen eines Totenscheines, sei es durch Meldung von Krankheiten, die der Meldepflicht unterliegen.


Epidemiologische Studien
Epidemiologische Studien müssen sorgfältig geplant werden, für die Formulierung des Ziels und die Definition des Untersuchungskollektivs ist genügend Zeit einzuräumen. Forschungsinstrumente müssen standardisiert und validiert werden. Auswertung und Interpretation erfordert die Mitarbeit von Biostatistikern, um allen Forderungen der Evaluation und Qualitätssicherung zu entsprechen.

Epidemiologische Studien haben je nach Fragestellung einen deskriptiven, analytischen oder experimentellen Ansatz, aber
grundsätzliche Gemeinsamkeiten:

– Zielsetzung

– Planung

– Untersuchungskollektive

– Untersuchungsmethoden

– Interpretation

Jede Studie verlangt also eine intensive theoretische und organisatorische Vorbereitung.


Epidemiologie im Rahmen der Infektiologie
Im Rahmen der Infektiologie bzw. Medizinischen Mikrobiologie umfasst die Epidemiologie die Lehre vom Auftreten, den Ursachen und der Verhütung der Infektionskrankheiten in der Bevölkerung.

Infektionskrankheiten können in Abhängigkeit von Ort und Zeit sporadisch, epidemisch/pandemisch oder endemisch auftreten. Ihre Häufigkeit wird durch die Morbiditätsbegriffe Inzidenz und Prävalenz, die Sterblichkeit durch den Begriff Mortalität charakterisiert. Die Letalität ist ein Maß für die Gefährlichkeit einer Infektionskrankheit.

Die wichtigsten Infektionsquellen sind die Erkrankten, die Ausscheider sowie die Keimträger. Von diesen Quellen können die Erreger direkt oder indirekt durch leblose Gegenstände oder durch Überträger (Vektoren) auf Anfällige transferiert werden.

Die Bekämpfung von Infektionskrankheiten in Bevölkerungskollektiven muss durch eine wirksame Gesetzgebung, die vor allem die Meldepflicht regelt, abgesichert sein. Die Kontrolle umfasst expositionsprophylaktische Maßnahmen, wie Isolierung, Quarantäne, Desinfektion, Sterilisation oder Anwendung von Insektiziden, sowie die Dispositionsprophylaxe, zu der die aktive und passive Immunisierung und die Chemoprophylaxe zählen.

Gemäß der WHO-Definition der Epidemiologie (siehe Glossar) beschäftigt sie sich mit der Untersuchung von gruppenmedizinischen Problemen. Für die Infektionskrankheiten gilt, dass sie sich in Abhängigkeit von der Virulenz des Erregers und der Anfälligkeit der bedrohten Population einer Wirtsspezies sowie in Abhängigkeit von der Umwelt in charakteristischer Weise ausbreiten.


Glossar epidemiologischer Begriffe
Das Glossar epidemiologischer Begriffe von A - Z stellt eine Auflistung und Definition der wichtigsten epidemiologischer Termini dar.
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